Freiheit und determination psychologie
Vor einiger Zeit lag ich nachts wach und zerbrach mir den Kopf darüber, wie ich diesen Text beginnen sollte.
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Ich stellte mir mehrere Varianten eines ersten Satzes vor, eines nächsten und eines dritten. Dann überlegte ich, wie ich zum darauf folgenden Absatz übergehen könnte und weiter zum übrigen Artikel. Die Vor- und Nachteile jeder dieser Möglichkeiten kreisten in meinem Kopf und hinderten mich am Einschlafen. Währenddessen liefen in den Nervenzellen meines Gehirns komplizierte Prozesse ab.
Tatsächlich erklärt die neurale Aktivität, warum ich verschiedene Varianten erwog und warum ich jetzt gerade diese Worte schreibe und keine anderen. Allerdings meinen in letzter Zeit viele Neurowissenschaftler, Psychologen und Fernsehautoritäten, dies sei ein Irrtum. Sie berufen sich auf einige oft zitierte Experimente und behaupten, unbewusste Prozesse hätten die Wahl der Worte verursacht, die ich letztlich niederschrieb.
Demzufolge entsteht eine bewusste Überlegung und Entscheidung erst, nachdem neurale Weichenstellungen unterhalb der Schwelle unseres Bewusstseins zuvor festgelegt haben, was wir wählen werden.
Hirnforschung: Wie frei ist der Mensch?: Spektrum der Wissenschaft
Die Experimente, die als Beweis dafür dienen sollen, dass unser Gehirn hinter den Kulissen die Führung übernimmt, führte der amerikanische Physiologe Benjamin Libet in den er Jahren an der University of California in San Francisco durch. Er bat Versuchspersonen, auf deren Kopf er Elektroden angebracht hatte, zu einem willkürlich gewählten Zeitpunkt eine Hand zu bewegen.
Die von den Elektroden aufgezeichneten Aktivitätsschwankungen zeigten ein so genanntes Bereitschaftspotenzial an, das schon rund eine halbe Sekunde vor der willkürlichen Handbewegung auftrat. Doch den Probanden wurde ihre Absicht, die Hand zu rühren, laut einer parallel laufenden Zeitmessung erst eine Viertelsekunde vor der Ausführung bewusst.
Daraus schloss Libet, dass das Gehirn den Entschluss zur Handbewegung bereits gefasst hatte, bevor dieser ins Bewusstsein trat. Das schien zu besagen: Unbewusste Hirnprozesse trafen die Entscheidung. Nach neueren Untersuchungen mittels funktioneller Magnetresonanztomografie fMRT beginnt die unbewusste Vorbereitung von Entscheidungen sogar noch früher.
Willensfreiheit
Solche Experimente haben zu der pauschalen Behauptung geführt, der freie Wille sei erledigt. Der amerikanische Neurowissenschaftler, Philosoph und Debattenredner Sam Harris hält uns alle für "biochemische Marionetten": Wenn man die Entscheidung eines Menschen mit Hilfe eines Gehirnscanners schon mehrere Sekunden früher wissen könne als er selbst — wo bleibe dann der bewusste Akteur, der Herr sei über sein eigenes Innenleben?
Aber zeigt die Forschung wirklich, dass unser bewusstes Überlegen und Planen nur ein Nebenprodukt unbewusster Hirnaktivität ist und auf unser späteres Handeln keinerlei Einfluss ausübt? Nein, ganz und gar nicht. Der Philosoph Alfred R. Mele von der Florida State University in Tallahassee, ich und andere halten die Folgerung, der freie Willen sei eine Fata Morgana, für einen Fehlschluss.
Diejenigen, die meinen, die Wissenschaft entlarve den freien Willen als Illusion, nenne ich Willusionisten. Es gibt viele Gründe, ihren Argumenten zu misstrauen. Erstens reicht der derzeitige technische Stand der Neurowissenschaft längst nicht für eine Klärung der Frage aus, ob die neurale Aktivität, die unserem Ausdenken und Bewerten zukünftiger Möglichkeiten zu Grunde liegt, irgendwelche Auswirkungen auf die tatsächliche Wahl hat, die wir Minuten, Stunden oder Tage später treffen.
Stattdessen verwischt die von den Willusionisten diskutierte Forschung die Grenze zwischen bewussten und unbewussten Handlungen. Nehmen wir das Libet-Experiment. Eigentlich beginnt es damit, dass die Versuchsteilnehmer sich bewusst darauf vorbereiten, eine Serie von wiederholten und ungeplanten Aktionen auszuführen.
Nach dem Start des Experiments bewegen sie die Hand, sobald spontan ein entsprechendes Bedürfnis entsteht.