Dornröschen psychologisch gedeutet

Hätten sie doch nur 13 goldene Teller gehabt: Ein König und seine Königin wollten die Geburt ihrer sehnlichst erwarteten Tochter feiern und luden auch die Feen ein. Doch es gab nur zwölf goldene Teller im Haus, also gab es für eine der weisen Frauen eben keine Einladung. Die war "recht zornig" und erschien trotzdem. Das Märchen Dornröschen der Gebrüder Grimm, erstmals veröffentlicht, startet mit einem todbringenden Fluch.

Der wird zwar noch abgemildert, statt dem Tod soll nur ein hundertjähriger Schlaf über das Mädchen kommen. Doch dieser Fluch der bösen Fee bestimmt das Leben eines kleinen Mädchens.

38. Dornröschen von den Gebrüdern Grimm (1819)

Da sei zum einen die Königin, die sich ein Kind wünscht — und so noch vor der Geburt Dornröschens dafür sorgt, dass das Kind eine Last zu tragen hat. Denn Dornröschen ist sehnlichst gewünscht, fast schon zu viel. Zum anderen sei da der König, der mit seinen goldenen Tellern auch Macht und Besitz zur Schau stellt. Warum genügt nicht normales Geschirr, fragt sich Drewermann. Und so ergibt sich: "Das Kind wird selber für die Eltern zum Schmuckstück", [ Zwischen dem Wohlwollen in der Beziehung zwischen Eltern und Kind gebe es auch eine Angst, so Drewermann.

Und diese Angst benennen die Gebrüder Grimm. Dieses überbehütete Kind sei nicht auf das Erwachsenwerden vorbereitet. So gut das eben geht. Denn das Mädchen lernt nicht, mit bedrohlichen Situationen im Leben umzugehen", so Drewermann. Doch noch ein weiteres Manko resultiert aus der Überangst der Eltern: Denn Dornröschen sei auch auf das Hereinbrechen der Sexualität nicht vorbereitet, so Jung.

Und noch schlimmer: Laut dem US-Kinderpsychologen Bruno Bettelheim könnten Eltern das sexuelle Erwachen der Kinder nicht aufhalten.

Dornröschen: Interpretation des Märchens

Ein angedeutet sexuelles Dilemma? Bei den Gebrüder Grimm? Tatsächlich haben die Märchenbrüder die Geschichten im Laufe der Zeit entschärft. Jahrhunderts wollten den Kindern nicht vorgaukeln, dass es Zauberei und Magie gibt. Bei Dornröschen sind die Andeutungen deutlich erhalten geblieben: Das Mädchen sticht sich und beginnt zu bluten - in einem Alter, in dem damals die Menstruation einsetzt und fällt dann in einen hundertjährigen Schlaf, verborgen hinter einer hohen Dornenhecke.

Übertragen verfällt Dornröschen in eine Starre, isoliert von der Welt - denn ihre Neugierde brachte sie erst zu dem kleinen Turmzimmer, in dem die Spindel steht. Sie hinterging das Gebot des Vaters, war ungehorsam. Und enttäuschte ihn somit. Das Resultat: Dornröschen schläft, laut Drewermann "ein Leben, das verträumt wird", ein Verschlafen des eigenen Lebens, "das nie in die eigene Realität kommt.